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Regression
Wisst
ihr was ein Damoklesschwert ist?
Ein
zu erwartendes Unheil das stets über unseren Köpfen schwebt,
unsere Gedanken beherrscht, uns bis in unsere Träume hinein
verfolgt. Etwas, wovor wir ANGST haben, dem wir
ausgeliefert sind, hilflos, tatenlos...
Die
Regressionsphase ist ein Damoklesschwert, das zu schwingen beginnt
ab dem Tage, an dem wir die Diagnose "Rett-Syndrom" für
unser Kind erhalten.
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Wir
wissen also nun, unser Kind ist behindert. Rett-Syndrom, Gendefekt
auf dem X-Chromosom. Soeben hat uns der Arzt dies mitgeteilt. Aber
was bedeutet das?
Das
Rett-Syndrom zeichnet sich dadurch aus, dass bereits erworbene Fähigkeiten
VERLOREN gehen. Das Zeitfenster in dem das geschieht,
wird Regressionsphase genannt. Es ist das zweite Stadium der
Krankheit. Das erste Stadium ist der Entwicklungsstillstand, der
irgendwann zwischen dem 6. und 18. Lebensmonat eintritt. Die Mädchen
hören auf, sich weiterzuentwickeln. Sie fallen hinter ihren
Altersgenossen zurück.
Zwischen
dem 1. und 4. Lebensjahr muss man mit der Regressionsphase rechnen.
Dies ist eine besonders schwierige Zeit für die Mädchen und die
Eltern. Zuzusehen, wie das eigene Kind Selbstverständlichkeiten
verlernt wie Laufen, Sprechen, ja - Greifen - ist unwahrscheinlich
grausam. Viele Eltern verlieren in dieser Zeit den sozialen Zugang
zu ihren Kindern, es gelingt immer weniger, Blickkontakt
herzustellen, die Mädchen zeigen sich unleidlich, quengelig, wütend
und manche schreien Tage, Wochen, Monate fast ohne Pause.
Warum
die Mädchen eine sogenannte Schreiphase erleben ist noch nicht ganz
geklärt. Bei manchen stellte sich später heraus, dass nicht
erkannte epileptische Anfälle die Ursache waren. Mit entsprechender
Medikation wurde auch das Schreien weniger. Andere Mädchen schreien
ohne ersichtlichen Grund. Aber jeder mitfühlende Mensch kann
sich vorstellen, dass es frustrierend und beängstigend sein muss,
mitzuerleben, wie der Körper den Gehorsam verweigert, die Hände
nicht mehr greifen und halten können, die Beine nicht mehr tragen,
der Mund keine Laute mehr bilden kann. Angst, Verzweiflung und
Nichtbegreifen der Vorgänge beherrschen das Denken - eigentlich
Grund genug, seine Verzweiflung hinauszuschreien.
Die
Folge ist totale Isolation, Unfähigkeit sich und seine Bedürfnisse
mitzuteilen, Hilflosigkeit in allen Bereichen des Alltages.
Rett-Kinder sind darauf angewiesen, dass andere Menschen ihre Bedürfnisse
erahnen. Wir alle sollten uns jeden Tag aufs neue bewusst werden,
welche Verantwortung wir
im Umgang mit nichtsprechenden Menschen
tragen.
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Und so hat Sofia die Regression durchlebt - ihre Mama erzählt: |
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Nach
meiner Auffassung befindet sich Sofia seit Dezember 2002 in der akuten
Regression. Die Phase hat sich schleichend angekündigt. Sofia
begann im Oktober 2002 mit vermehrtem Händekneten. Das hat sich
schnell gesteigert und derzeit knetet Sofia pausenlos. Positiv ist,
dass sie gelegentlich noch aus den Stereotypien herausfindet. Z. B.
bei einem Sturz ist der Abstützreflex noch vorhanden. Wenn Sofia
hungrig genug ist, isst sie recht schön mit einem Löffel. Wenige
Dinge erregen noch ihr Interesse und sie greift danach, das aber
eher selten. Am wenigsten bis gar nicht vorhanden sind die
Stereotypien beim Spazierengehen. Früher immer auf dem Sprung und
weggesaust, hält sie nun gerne meine Hand beim Spaziergang, greift
selbständig danach wenn wir uns mal loslassen, und wandert nach wie
vor mit mir viele Kilometer. Dann ist sie so glücklich und
abgelenkt von allem rundherum, dass sie überhaupt nicht knetet.
Um
Weihnachten herum habe ich plötzlich festgestellt, dass Sofia nicht
mehr in der Lage ist, einen Schoko-Riegel selbst auszupacken. Früher
war das eine ihrer leichtesten Übungen. Auch Schlüssel dreht sie
nicht mehr um im Schloss. Dabei konnte sie die sogar einmal selbständig
einstecken.
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Zur
gleichen Zeit entglitt uns Sofia in eine Wut- und Trotzphase. Es war
kein Zugang mehr zu ihr möglich, sie befand sich in einer
Grundstimmung permanenter Wut, hat nur geschlagen, gebissen, getobt. Ich
nehme an das es sich hier um eine milde Variante der Schreiphase
gehandelt hat. Diese schwierige Zeit dauerte etliche Wochen.
Mittlerweile geht es uns wieder besser.
Sofia
kann nicht mehr sicher greifen. Je mehr sie sich bemüht, um so
weniger gelingt es ihr. Je mehr sie etwas haben möchte, um so mehr
verkrampft sie sich vor lauter dringendem "Wollen" und es
geht gar nicht. Beispiel: ich biete ihr aus einer großen
Schachtel Schokoriegel an. Sofia nähert ihre geöffnete Hand der
Schachtel, die Finger hängen schlaff herunter und sie schafft es
bestenfalls, auf die Schachtel zu schlagen.
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In anderen Situationen, wenn sie gar nicht so sehr nachdenkt, gelingt es viel besser. Sie kann Löffel halten, aus Gläsern selber trinken, Dinge in die Hand nehmen (dies wird leider immer seltener) und an besonders guten Tagen schafft sie es, eine winzig kleine Fluortablette aufzupicken und in den Mund zu stecken.
Biete
ich ihr Spielzeug an, ignoriert sie das meistens. Gelegentlich
greift sie danach um es augenblicklich durchs Zimmer zu werfen. Bis
zum vergangenen Sommer war das Rutschauto ihr liebstes Spielzeug,
momentan ist ihr Interesse daran sehr gering.
Die
autistischen Züge sind mittlerweile ausgeprägter, Augenkontakt nur
mehr schwer zu bekommen. Sofia scheint oft abgedriftet, in einer
eigenen Welt zu der nur sie Zugang findet. Oft lacht sie vor sich
hin, läuft wie aufgedreht von einem bestimmten Punkt zu einem
anderen und wiederholt dies ständig. In solchen Momenten komme ich
nicht an sie heran. Um so schöner die Zeiten wenn Sofia anlehnungsdürftig
ist, manchmal kommt sie zu mir und drückt sich ganz dicht an meine
Beine, signalisiert deutlich dass sie auf den Arm möchte und
schmiegt sich ganz lieb an. Meistens wenn sie sehr müde ist.
Neuerdings
beobachte ich eine gewisse Lärmempfindlichkeit. Sofia weint nun
oft, wenn der Staubsauger läuft. Früher konnte ihr kein Geräusch
laut genug sein. Häufig hält sie sich jetzt beide Ohren zu, auch
schon wenn nur laut gesprochen wird.
So
hat sich also nun das Damoklesschwert auf uns herabgesenkt, es
schneidet tief und schmerzhaft. Dennoch sind wir im Grunde sehr
dankbar, weil Sofia immer noch eines der leicht betroffenen Rett-Mädchen
ist. Leider erfahren wir durch den Verein, dass all die Dinge die
Sofia noch kann, keine Selbstverständlichkeit sind. Im Gegenteil,
es ist eine Besonderheit dass Sofia läuft, ein Geschenk dass sie
40 Wörter spricht, dass sie gesundheitlich sehr stabil ist, keine
Epilepsie und keine Skoliose hat. Sofia kann all dies jeden Tag
genommen werden und darum schätzen wir es sehr.
(Herta im Febr. 2003)
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