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Ja, ich habe einen eigenen Engel. Wirklich! Er lebt bei mir zu Hause. Ich habe ihm einen Namen gegeben – Sofia. Das bedeutet Weisheit und wenn ich in seine Augen sehe, finde ich dort tiefes Wissen um alle Dinge. Aber der Weg nach außen ist blockiert.
Die Geschichte meines Engels fing so an....
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Geburt
6.
Januar 1999
– heute sollte endlich unser drittes Kind auf die Welt kommen,
Sofia. Nachdem sie sich bereits 10 Tage verspätet hatte wollten die
Mediziner nun etwas nachhelfen. Sie taten das mit einer Gabe
Prostagladin-Gel. Der gewünschte Effekt trat prompt ein in Form
heftiger Wehen und binnen einer Stunde legte man mir mein kleines Mädchen
in die Arme. „Herzlichen Glückwunsch zur Geburt Ihrer gesunden
Tochter“ hörte ich von allen Seiten und blickte in lauter
strahlende Gesichter. Sofia ging es auch prächtig, an den
Apgar-Werten 10/10 gab es nichts auszusetzen, sie trank problemlos an
der Brust, war pflegeleicht und aufgeweckt, ein süßer kleiner Engel
der uns lange keine Sorgen machte.
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frühe
Entwicklung
Im
Verlauf der ersten Vorsorgeuntersuchungen fiel Sofia im positiven Sinn
aus dem Rahmen, weil Motorik und Reflexe stets über dem Durchschnitt
lagen. Erstes Lächeln mit 6 Wochen, Drehen mit 3 Monaten, Greifen mit
4 Monaten, Sitzen, Krabbeln und Hochziehen mit 6 Monaten, Laufen mit
10 Monaten, Treppen steigen mit 11 Monaten, sicheres Gehen und Rennen
mit 12, 13 Monaten. Laut- und Silbenbildung im ersten Lebensjahr völlig
unauffällig.
Erschreckt
hat Sofia mich zum ersten Mal mit 7 Monaten. Sofia spielte mit der
Maxi-Cosi-Schale, versuchte reinzukrabbeln und wieder raus, stellte
sich auf die Beinchen und fiel rückwärts auf den Hinterkopf. Sie
schrie sofort ganz laut wobei ihr allerdings der Schrei sozusagen in
der Kehle stecken blieb, d.h. sie atmete nicht mehr ein und wurde
ganz steif. Fast eine halbe Minute lang, dann endlich seufzendes
Einatmen, Wechsel der Gesichtsfarbe ins gelblich-weiße und
sekundenlange Bewusstlosigkeit. Zuerst dachte ich, jetzt stirbt
Sofia. Aber keineswegs. Sie erholte sich wieder und wirkte lediglich
etwas müde. Auf diesen Vorfall folgten natürlich viele
Arztbesuche. Vom Kinderarzt bis in die Uniklinik, neurologische
Abteilung, bin ich gepilgert. Fazit: Affektkrämpfe, keine
Epilepsie, geben sich spätestens im 5. Lebensjahr, nicht
lebensbedrohlich, keine zu befürchtenden Schäden. EEG:
unauffällig. Ansonsten: überdurchschnittlich weit entwickeltes
Kind (herzlichen Glückwunsch!) - so der Neurologe in der
Haunerschen Kinderklinik München. Diese Affektkrämpfe sollten uns
von nun an begleiten, oft zehnmal am Tag, und ich habe mich bis zu
einem gewissen Grad daran gewöhnt. Auslöser waren Schmerz oder
Zorn. Und tatsächlich, gegen den 4. Geburtstag hin hörten die
Affektkrämpfe völlig auf.
Entwicklungsstillstand
Im
Alter von 12 – 18 Monaten wurde Sofia so richtig anstrengend, weil
sie immer in Bewegung war. Ein Kind das man keine Sekunde aus den
Augen lassen konnte, das man immer an irgendeinem Zipfel festhalten
musste. Kaum auf den Boden gestellt, sauste sie davon und ich
hinterher: in Geschäften, auf der Strasse, in Arztpraxen. Sie
erkletterte alles und begriff überhaupt noch keine Gefahren. Ich
habe lange auf das Einsetzen der sogenannten Vernunft gewartet, die
blieb aber aus. Ebenso wie die Sprache. Sofia konnte einige wenige
Worte in Babysprache und kam nicht darüber hinaus.
Die
Ergotherapeutin meines größeren Sohnes sprach mich eines Tages auf
Sofia an, sie fand das Kind tyrannisch und bot mir eine
Spieltherapie an. Die habe ich dann in Anspruch genommen.
Bei
der U7 kurz vor dem zweiten Geburtstag war Sofia erstmals
auffällig: sprachlich war sie etwas zurück, auch konnte sie nicht
auf Aufforderung den Ball bringen oder die Tiere im Bilderbuch
zeigen. Grund genug, sie in einem sozialpädiatrischen Zentrum
vorzustellen. Das taten wir dann wenige Tage nach ihrem 2.
Geburtstag. Sofia war bei diesem Vorstellungstermin in einer sehr
guten Tagesverfassung. D. h. sie war außergewöhnlich ruhig
und überhaupt nicht so umtriebig wie es für sie typisch ist. Der
behandelnde Oberarzt befand Sofia in ihrer Entwicklung als
grenzwertig aber noch nicht allzu bedenklich, setzte uns auf die
Warteliste für die Logopädin und schickte uns erst mal wieder nach
Hause – weiter beobachten und abwarten.
Daraufhin
habe ich die Dinge selber in die Hand genommen und mir alleine eine
Logopädin gesucht. Die war zwar leider nicht am Wohnort und wir
hatten eine Stunde Anfahrt und nochmals zurück, aber das war es mir
wert.
Im
Laufe der nächsten Wochen und Monate wurde in Zusammenarbeit mit
Logopädin und Ergotherapeutin und anhand eines Entwicklungsgitters
klar, dass Sofia nicht nur sprachlich, sondern auch allgemein weit
zurück ist in ihrer Entwicklung. Die Art und Weise wie sie spielt,
wie sie mit Gegenständen umgeht – zeigte ganz klar, dass die Grundvoraussetzungen
für Sprache noch nicht erfüllt waren. Ich hatte bislang ja
täglich auf das Einsetzen der Sprache gewartet und gehofft, aber da
kam nichts. Mittlerweile war Ostern 2001 – Sofia 28 Monate alt, da
habe ich sie im Kinderzentrum München angemeldet. Mehrere Monate
Wartezeit vergingen bis wir endlich im Oktober 2001 zur ambulanten
Erstvorstellung fahren durften.
Vorher
allerdings stieß ich auf einen Begriff den ich bis dahin noch nie
gehört hatte, das Rett-Syndrom.
Es
muss April oder Mai 2001 gewesen sein, da schaltete ich im Fernsehen
zufällig auf einen Kanal auf dem gerade eine Dokumentation über
zweieiige Zwillinge lief: Sophia und Anna. Eines der Mädchen war
behindert, eines nicht. Weil meine Sofia mit zweitem Namen auch Anna
heißt, hörte ich natürlich erst mal hin. Die Sendung faszinierte
mich sofort und dann fiel der Begriff „Rett-Syndrom“. Der
Bericht zog mich in seinen Bann und ich saß bis zum Schluss atemlos
davor. Symptome wurden aufgelistet und einiges erinnerte mich an
Sofia: normale Entwicklung, dann Stillstand, kleiner Kopfumfang,
kleine Füße, Zähneknirschen, oft Krampfanfälle unklarer Genese,
fehlende Sprache – hoppla, da passt ja einiges!! Schließlich
wurde eine Internetadresse genannt –
www.rett.de
- und mein erster Gang nach der Sendung war an den Rechner. So kam
ich zum ersten Mal auf die Homepage des Vereins, die später zu
einer meiner Stammseiten im Netz werden sollte.
Das
Rett-Syndrom passte auf meine Tochter - und auch wieder nicht.
Eigentlich nicht, weil das Hauptmerkmal, die Handwaschbewegungen,
fehlten (die kamen erst später, das wusste ich aber damals noch
nicht.)
Von
da an zog es mich immer wieder auf die Homepage der Elternhilfe und
ich las alles verfügbare über das Rett-Syndrom. Ich las zwar auch
über andere Syndrome, aber eher flüchtig, und kehrte immer wieder
zu Rett zurück.
Diagnose
Einige
Monate später stellte ich Sofia im Kinderzentrum München vor und
fragte bereits am ersten Tag den Arzt, ob es das Rett-Syndrom sein
könnte. Der sagte spontan und überzeugend nein.
Ich
fuhr von da an regelmäßig ambulant ins Kinderzentrum und 4
Wochen später wurde Sofia stationär aufgenommen, ich besuchte
sie täglich. Während der folgenden 10 Wochen KH-Aufenthalt zur
Diagnosefindung und begleitenden Verhaltenstherapie lernte ich das
Ärzte- und Psychologenteam sehr gut kennen.
Sofia
wurde gründlich untersucht: Stoffwechseltests, Herz mittels
EKG und Ultraschall, Gehirn mittels EEG und MRT, Gentest auf
X-fragiles Syndrom – alles ohne Befund, lediglich erhöhte
Cholesterinwerte und eine grenzwertig verminderte Gehirnmasse
zugunsten einer ebenso grenzwertig vermehrten Gehirnflüssigkeit
konnten festgestellt werden, mit anderen Worten, das Gehirn war
noch nicht ganz ausgereift, was aber bei geistigen Behinderungen
nicht ungewöhnlich ist. Sofia wurde als geistig behindert mit
unklarer Genese entlassen, das war wenige Tage nach ihrem 3.
Geburtstag. Sie hatte in den letzten Wochen begonnen, die Hände
häufig zusammenzuführen, ich habe mit Arzt und Psychologin
darüber gesprochen, jedoch immer noch schlossen sie das
Rett-Syndrom aus und beruhigten mich in dieser Hinsicht.
Einige
Wochen nach der Entlassung stellte ich Sofia in der genetischen
Abteilung des KiZ vor. Die Handwaschbewegungen waren mittlerweile
ausgeprägter geworden und die Genetikerin veranlasste daraufhin
den Gentest auf Rett-Syndrom.
Wiederum
einige Wochen später rief mich unser betreuender Psychologe an
und lud zu einem Elterngespräch ein um ein Resümee zu ziehen -
und zwar sehr kurzfristig, binnen einer Woche.
15.
März 2002
- ich fuhr allein zu diesem Termin, weil mein Mann verhindert war.
Ich wurde von Menschen empfangen die mir mittlerweile sehr
vertraut waren nach unserer intensiven Zeit im Kinderzentrum: der
betreuende Psychologe aus der Ambulanz (mein Hauptansprechpartner
neben dem Arzt), die Psychologin aus unserer stationären Zeit,
mit der ich viele Stunden über sehr persönliche Dinge gesprochen
habe, und die Genetikerin, die ich zwar nicht so oft getroffen
hatte, die sich aber immer sehr mitfühlend und liebevoll-besorgt
gezeigt hatte.
Diese
drei Menschen brachten mir im Verlauf des Gespräches so schonend
und vorsichtig wie es nur möglich sein kann bei, dass der Gentest
auf die MECP2-Mutation positiv ausgefallen ist. Sie boten jede nur
erdenkliche Unterstützung an, drückten mir ihre dienstlichen und
privaten Telefonnummern in die Hand und versicherten, ich könne
sie jederzeit und immer anrufen. Sie überreichten mir
Infomaterial über die Krankheit und die Unterlagen der
Rett-Elternhilfe. Sie trösteten mich mit dem Hinweis, dass das
Rett-Syndrom nicht zwangsläufig so schwer verlaufen muss wie in
der Literatur beschrieben und dass Sofia ganz klar ein untypisches
Rett-Kind ist mit sehr leichten Symptomen. Sie boten weitere Gespräche
an und schlugen vor, ich solle nochmals mit meinem Mann zusammen
herkommen.
Dann
erzählten sie mir, dass sich soeben ein weiteres Rett-Mädchen
mit seiner Mutter auf der Eltern-Kind-Station befindet und
boten sofort an, mich mit den beiden bekannt zu machen. Ich nahm
das gerne an und lernte noch am gleichen Tag Katharina und ihre
Mutter kennen. Diese Begegnung war sehr wichtig für mich und hat
mir sehr gut getan. Wir haben uns dann nochmals getroffen, da
war dann mein Mann auch dabei, und angefreundet. Über den Verein
sind wir sowieso verbunden aber halten auch telefonischen und
Briefkontakt, wenn die beiden wieder nach München kommen treffen
wir uns wieder.
Fazit:
Die
Diagnoseeröffnung war so positiv wie so etwas nur sein kann.
Außerdem war die Diagnose für mich persönlich kein Schock,
es war die Bestätigung einer insgeheimen Ahnung. Ich habe einen
Prozess von fast einem Jahr durchlaufen während dem ich mich
innerlich mit dem Rett-Syndrom auseinandergesetzt habe. Ein Jahr
in dem ich regelmäßig die Homepage der Elternhilfe besucht habe
und alles nur verfügbare über Rett gelesen habe. Ich wusste es
eigentlich schon eine ganze Zeit, spätestens seit kurz vor dem
dritten Geburtstag die Handwaschbewegungen begonnen hatten. Ich
wollte es noch lange nicht wahrhaben, doch die Diagnose war keine
Überraschung und kein Schock.
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Wie
geht es mir mit der Diagnose?
Das
erste Dreivierteljahr nach der Diagnose ging es mir gut damit.
Ich
machte mir klar, dass die Hauptsache ist, Sofia selber ist glücklich.
Und das scheint sie zu sein, sie ist motorisch so fit,
gesundheitlich stabil, leidet nicht unter ständigen Schmerzen, muss
keine unangenehmen Therapien über sich ergehen lassen, kann alle
ihre Sinne nutzen, kann essen und kauen ohne Probleme, es schmeckt
ihr, sie hat Freude an der Bewegung, ist meist fröhlich und munter
– dass dies alles keine Selbstverständlichkeiten sind, habe ich
im Kinderzentrum gelernt. Außerdem werden ihr viele Dinge im Leben
erspart bleiben, sie wird keine existenziellen Sorgen kennen lernen,
wird aus unserer Leistungsgesellschaft herausgenommen sein, lebt in
einer eigenen parallelen Welt – der Welt der Förderstätten und
Behindertenarbeit, wo der Mensch im Mittelpunkt steht und nicht
Erfolg und Ansehen. Vor allem wird sie sehr geliebt. Von uns, ihrer
Familie, sowieso, aber auch all die Menschen die bisher näher mit
ihr zu tun hatten, schließen Sofia ganz tief in ihr Herz. Das ist
eine starke Gabe die Sofia mitbekommen hat und von der sie
hoffentlich weitergetragen wird durchs Leben.
Doch
nun, um Weihnachten (2002) herum, hat mich die Trauer eingeholt.
Sofia hat einige handmotorische Dinge verlernt und war über einen
längeren Zeitraum hinweg in einer Phase voller Wut und Zorn
gefangen. Und ich entwickelte Zukunftsängste, Gedanken was aus
Sofia wird, wenn wir einmal nicht mehr für sie sorgen können
und von allem das schrecklichste - sie wird nie! verstehen
was der Tod ist und wenn eines Tages ihre Eltern nicht mehr
erscheinen wird niemand ihr erklären können, dass wir tot
sind. Sie wird sich verraten fühlen und das zerreißt jetzt schon
mein Herz.
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Die
Regressionsphase hängt wie ein Damoklesschwert über mir. Es ist das,
wovor ich mich sehr fürchte. Bereits zweimal dachte ich, Sofia
steckt jetzt drin. Einmal als sie nach dem dritten Geburtstag 4 – 5
Monate lang stark Hände gewaschen und Zähne geknirscht hat -
bis auf wenige Worte aber nichts verlernt hat. Dann gingen die
Handwaschbewegungen zurück und das Zähneknirschen hörte auf – ich
dachte das wäre es gewesen. Gegen Weihnachten setzten die
Handwaschbewegungen jedoch um so stärker wieder ein und diesmal
gingen auch handmotorische Fähigkeiten verloren: z. B. Schlüssel ins
Schloss stecken und Türen aufsperren, Kinderschokoriegel selber
auspacken – das ist alles nicht mehr möglich, teilweise sogar
zielgerichtetes Greifen von kleinen Dingen. Hinzu kam eine wochenlange
Phase voller Wut und Zorn – vielleicht ist das nun die Regression,
vielleicht kommt es aber auch noch schlimmer. Kein Arzt kann mir das
sagen. Und dennoch bin ich dankbar, weil Sofia trotz allem nur milde
betroffen ist und immer noch laufen kann.
Die
Elternhilfe ist sehr wichtig für mich geworden. In dem Bewusstsein zu
leben, nicht allein dazustehen mit dieser Krankheit, die Tatsache dass
die anderen Eltern per Internet täglich zu erreichen sind, gibt mir
sehr viel Kraft und Rückhalt. Obwohl ja Sofia innerhalb der
Rett-Kinder eine eigene Problematik aufweist - sie stellt andere
Anforderungen an Betreuung und Pflege als ein Rollstuhlkind, weil sie
körpermotorisch hyperaktiv ist - gehören wir doch alle
zusammen.
Alltag
Sofia
besucht die SVE einer Schule für geistig behinderte Kinder und
anschließend die Tagesstätte. Sie wird dort optimal gefördert und
der Alltag ist für mich und die Familie ganz gut geregelt An
Wochenenden, Feiertagen und in den Ferien trage ich die volle
Belastung alleine, das sind für mich arbeitsintensive Zeiten, aber so
geht es uns ja wohl allen.
Alles
in allem - besondere Kinder sind ein kostbares Geschenk und lehren uns
die wichtigsten Dinge im Leben.
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Herta, geschrieben im Sommer 2002
die "lange" Version unserer Geschichte
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