Schläft ein Lied in allen Dingen,
die da träumen fort und fort,
und die Welt hebt an zu singen,
triffst du nur das Zauberwort.
(Joseph von Eichendorff)

 

Sofia - Wirbelwind - 4 Jahre
 
Jene Lehre, nach der jede Krankheit mit demselben Mittel in kleinen Mengen zu heilen sei, welches in größeren Mengen ein der Krankheit ähnliches Bild erzeugt, nennt man Homöopathie

Homöopathie kann sicher nicht das Rett-Syndrom heilen, aber sie kann helfen, dass sich ein Rett-Mädchen im Rahmen seiner Möglichkeiten weiterentwickelt.

Sofia, auch als Wirbelwind bekannt, ist schon ein besonderes Mädchen unter besonderen Mädchen, weil sie immer in Aktion und Bewegung, nie Zeit, nie Geduld aufbringt, einmal innezuhalten, Dinge zu betrachten, auf sich wirken zu lassen und verbaut sich damit selbst jede Chance zu lernen. Außerdem ist sie eine Herausforderung an die körperliche Fitness eines jeden Betreuers, einer jeden Pflegeperson.

Anfang September 2003, Sofia war 4 Jahre und 8 Monate alt, starteten wir einen Versuch. Unser Kinderarzt ist gleichzeitig ein ausgebildeter Homöopath und in einem langen Gespräch von fast zwei Stunden erzählte ich ihm so gut wie alles über Sofia, ihre Vorlieben, Angewohnheiten, Abneigungen, ihr Verhalten, ihre Entwicklung, antwortete auf gezielte und seltsam anmutende Fragen - ob sie z. B. Zitronen mag - und am Ende liefen alle Fäden bei einem Mittel zusammen - Arsenicum.

Sofia bekam Arsenicum ab Mitte September nach dem Kentschen Schema:

C30 5 Globuli - 6 Wochen Pause - C30 5 Globuli - 6 Wochen Pause

C200 5 Globuli - 6 Wochen Pause - C200 5 Globuli - 6 Wochen Pause

C1000 5 Globuli - 6 Wochen Pause - C1000 5 Globuli

 

Sofia Wildpark Poing - 4 Jahre

Es dauerte ungefähr 3 Monate, dann stellten wir deutliche Veränderungen im  Verhalten fest (kurz nach der ersten Gabe von Arsenicum C200 - wobei nicht alle unbedingt im Zusammenhang mit der Homöopathie stehen müssen):

Sofia ist viel ruhiger geworden, kann sich mit Musik für lange Zeit alleine in einem Raum beschäftigen.

Stichwort Musik - Sofia ist süchtig danach. Sie erträgt es nicht, zuhause im Wohnzimmer zu sein ohne dass ihre Lieder laufen. Wenn die Musik nicht mehr klingt, bekommt Sofia einen Wutanfall, wirft sich auf den Boden und weint aus tiefster Verzweiflung. Kaum ertönen die Klänge wieder, ist alles gut.

Sie ist sehr anhänglich geworden, hochgenommen umschlingt sie einen ganz fest mit Armen und Beinen (unser kleines Klammeräffchen), bleibt auch relativ lange auf dem Schoß sitzen, ganz im Gegensatz zu früher.

Entspannung bei der Körperpflege, sie wehrt sich nicht mehr gegen das Zähneputzen und Wickeln so wie früher, bleibt beim Föhnen sitzen usw.

Gehen mit drehen ist angesagt, Sofia geht und dreht sich laufend - z. B. auf der Treppe bei bestimmten Stufen im Wendepunkt der Kurve, aber auch beim Laufen durch ein Zimmer dreht sie sich ständig - vielleicht eine Art Tanz?

Out ist dagegen leider Spazierengehen. Sofia streikt. Wanderte sie noch im Sommer letzten Jahres mit mir etliche Kilometer an der Hand, lässt sie sich nun sofort zu Boden fallen. REGRESSION??? Nein - denn kaum losgelassen von der Hand springt sie auf und rennt davon - kopflos in die nächste Gefahr hinein (wäre ich nicht schneller). Auch in der Wohnung ist deutlich zu sehen, Sofia kann laufen und springen wie eh und je.

 

Die Handstereotypien haben sich ausgeweitet auf "Finger-in-die-Nase-stecken" und "durch-die-Haare-fahren". Leider bleiben dabei ständig Haare auf der Strecke, Haarspangen und -gummis jeder Art fördern dieses Verhalten, darum mussten wir zwangsweise eine andere Frisur einführen, mit kürzerem Pony, aber es steht ihr.
Zähneknirschen ist ebenfalls wieder sehr aktuell zur Zeit, besonders beim Essen von Süßigkeiten oder bei sehr süßen Getränken.
Auch haben sich autoagressive Handlungen verstärkt, Kopf auf den Boden schlagen, sich selbst ins Gesicht schlagen, immer wenn Sofia wütend/genervt/ungeduldig ist - ein Ventil der Gefühle eben.

Neu aufgeflammt ist die Angst vor spritzendem Wasser aus der Dusche, vor dem Haarewaschen besonders. Das war schon einmal in ihrer Babyzeit so. Das gilt nicht für die Badewanne, wenn kein Wasser aus dem Hahn oder der Brause plätschert, geht Sofia gerne ins Wasser. Mit Ruhe, Verständnis und Geduld hat sich diese Angst aber mittlerweile schon wieder fast gelegt.
 
Noch immer stellen sich regelmäßig dramatische Wutanfälle ein, fast stärker, aber dafür seltener als früher, meist dann wenn Sofia überfordert wird. Auch das gehört zum Rett-Syndrom dazu und wir wachsen täglich im Umgang damit und nehmen uns das längst nicht mehr so zu Herzen und lassen uns keineswegs mehr aus der Ruhe bringen, es ist halt so... also leben wir damit...
 
Fazit: Wir sind bisher zufrieden mit dem Erfolg, Sofia ist viel umgänglicher geworden und zuhause ist es jetzt regelrecht stressfrei. Schwierig bleibt es nach wie vor mit ihr außerhalb der Wohnung, beim Arzt, beim Einkaufen, in fremden Wohnungen... aber erstens erwarten wir kein Zaubermittel, zweitens stehen die wirklich hohen Potenzen noch aus...

Außerdem dient uns der Buggy als Hilfmittel in allen Lebenslagen, Voraussetzung ist allerdings ein schwellenfreier Zugang nach überall, der leider keineswegs gegeben ist!! Da bekomme ich ebenfalls zu spüren, wie Rollstuhlfahrer bei uns leben müssen...
 
... und verstehe mit ganzem Herzen den Satz: "Man ist nicht behindert, man wird behindert!"

Herta, im Januar 2004

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